Südafrika

Die Republik Südafrika belegt 1.227.200 km2 der Südspitze Afrikas. Es ist das siebtgrößte Land des Kontinents und etwa dreieinhalb mal so groß wie Deutschland. Das innere Hochland ist eine Verlängerung des afrikanischen Plateaus, das bis in die Sahara reicht. Hinter der rund 3000 Kilometer langen Küste liegt eine Tiefebene, die zwischen 80 und 240 Kilometer breit ist. Die Westküste wird von den kalten Wassern des Benguelastroms umspült, die Ostküste von den recht milden Gewässern des Algulhasstroms. Die klimatischen Verhältnisse reichen von mediterran im Süden, subtropisch im Nordwesten bis zu wüstenhaft im Nordwesten.

Südafrika hat eine Bevölkerung von circa 45.000.000 und eine Bevölkerungsdichte von nur 34 Personen/km2. Mit einem gegenwärtigen jährlichen Zuwachs in Höhe von etwa 2,2 % wird eine Verdoppelung der Einwohnerzahl in etwa 25 Jahren erwartet. Diese explosionsartige Vermehrung spiegelt sich in einem Landesdurchschnittsalter von knapp über 19 Jahre wider. HIV ist sehr verbreitet und - falls es sich weiter ungehemmt ausbreitet - müßte die eben aufgestellte Rechnung bezüglich der Bevölkerung drastisch nach unten revidiert werden. Die ethnische Verteilung ist 76 % Schwarzafrikaner, 13 % Weiße und 11 % Asiaten sowie andere. Es gibt 11 offizielle Sprachen, Englisch hat sich aber als Handelssprache etabliert.

Die Besiedlung des heutigen Südafrikas begann vor Tausenden von Jahren und gebar eine Vielfalt an Kulturen, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts über das Gebiet herrschten. Die ersten schwarzen Siedler waren aller Wahrscheinlichkeit nach Mitglieder der San, die heute noch - allerdings in sehr geringen Zahlen - als Buschmänner weiterleben. Sie wurden von den Stämmen der Bantu-Sprecher gefolgt, die dem Gebiet des modernen Kameruns entstammen und heute den überwiegenden Anteil der Bevölkerung bilden.

Im Jahre 1652 gründete die Holländische Ostindische Gesellschaft (Dutch East India Company) eine Außenstation in der Tafelbucht auf dem südafrikanischem Kap, um Verpflegung für die holländischen Schiffe auf dem Wege nach Indien und China bereit zu halten. Kurz darauf folgten holländische Siedler, die Ländereien für die Gründung von Farmen bekamen. Sie sollten auch mit den Khoikhois (San) für Schafe und Rinder tauschen. Bald entstanden Konflikte zwischen den Parteien, weil die Ureinwohner erkannten, dass die Siedler nicht gedachten, weg zu gehen, und ständig mehr Land in Anspruch nahmen. Zwei Jahrzehnte Krieg waren die Folge, bis die Kombination der Überlegenheit europäischer Waffen und der Manipulation einheimischer Stämme durch Fremde gegen Ende des 17. Jahrhunderts schließlich zum Zerfall der Khoikhoi Gesellschaft führte. Der coup de gras folgte im Jahre 1713 als ein holländisches Schiff die Pocken nach Südafrika brachte. Bislang unter den Ureinwohnern unbekannt, raffte die Krankheit die verbleibende Bevölkerung dahin, so dass sie bis auf unter 10 % ihrer ursprünglichen Zahl dezimiert wurde. Heute leben nur etwa 3.000 San in der Wüste Kalahari und in den angrenzenden Gebieten. Somit wurde ein weiteres Kapitel in der ruhmreichen Eroberung neuer Welten durch europäische "Entdecker" geschrieben.

Mineralfunde zwischen 1860 und 1890 führten zu einer nachhaltigen Veränderung des wirtschaftlichen und politischen Umfeldes. Diamanten und Gold nährten das wirtschaftliche Wachstum in Südafrika, das sich durch neue Absatzmöglichkeiten und eine gesteigerte Nachfrage für Arbeitskräfte beschleunigte. Um an die benötigten Arbeiter billig zu gelangen, eroberten die Briten die Mehrzahl der Völker dieser Region in einer Serie von Feldzügen in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Sie unterwarfen die Unterlegenen einer Reihe von Kontrollen, die bis vor Kurzem galten: Meldepflichten, welche die Bewegung der Leute innerhalb der Städte und zwischen Stadt und Land erschwerten; diskriminierende Behandlung von Schwarzen gegenüber Weißen im Justizsystem und die Umsiedlung der Landbevölkerung in Reservate, die wesentlich kleiner waren als die ursprünglichen Heimatgebiete der autonomen Stämme im 19. Jahrhundert. Als die Südafrikanische Union 1910 gegründet wurde, reflektierte ihre Verfassung eine Gesellschaft, in der eine weiße Minorität ein Monopol an Reichtum und Macht inne hatte - zum Nachteil der überwiegenden schwarzen Mehrheit.

Die Entwicklung zu einer industriellen Gesellschaft wurde von Konflikten zwischen Englisch sprechenden Weißen begleitet, hauptsächlich Minenbesitzern und Industriellen, und Holländisch sprechenden Weißen, in der Regel Bauern (Buren) und verarmte Arbeiter der Städte, die wegen der Kontrolle über afrikanische Arbeitskräfte und über das mineralische Reichtum miteinander konkurrierten. Europäische Siedler, bekannt als Afrikaander, waren Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins Landesinnere und an die Südostküste vorgedrungen und behaupteten, sie seien die "Auserwählten", von Gottes Gnaden als Herrscher über Südafrika bestimmt.

Zwischen 1910 und 1948 entwickelten afrikaander Politiker eine ausgeprägte ethnische Identität. Sie porträtierten Schwarze als grausam und bedrohlich und schürten die Ängste der Weißen bezüglich der Konkurrenz billiger schwarzer Arbeiter, die durch skrupellose Englisch sprechende Geschäftsmänner manipuliert wurden. Im Jahre 1948 gewannen die afrikaander Nationalisten die Kontrolle über die Regierung und führten das System der Apartheid ein, das die existierende Policen der Rassentrennung bestätigte und die Vorherrschaft der weißen Afrikaander in der Politik sicherte.

Nach 1948 kämpften Schwarze, "Farbige" (Mischlinge) und Asiaten gegen die weiße Vorherrschaft und das Grundprinzip der Apartheid, dass Südafrika ein Land der Weißen sei und alle Nichtweißen ihre wirtschaftliche und politische Autonomie nur innerhalb der ihnen zugeteilten Gebiete finden sollten. Friedliche und gewaltsame Proteste wechselten sich mit Perioden der offiziellen Unterdrückung ab, aber während der 45 Jahre dauernden Apartheid erwiesen sich die Mauern, die für das Überleben der Weißen errichten wurden, als zunehmend für die anderen Gruppen untragbar. Das System erzeugte eine Atmosphäre der Intoleranz, die auf andere Völker abstoßend wirkte, und setzte eine Gesellschaft voraus, die sich als ökonomisches Desaster entpuppte. Die absichtlich minderwertig gehaltenen Lebenskonditionen und mangelhaften Entwicklungsmöglichkeiten für die Mehrheit der Bürger nährten Frustration mit der Regierung, entzogen Südafrika einen bedeutenden Binnenmarkt und grenzten das Land zunehmend von den anderen Länder der Weltgemeinschaft ab. Der Druck zur Reform sowohl von außen als auch von innen, die wachsende Erkenntnis, dass das System untragbar sei, und die marode wirtschaftliche Lage zwangen die Führungen aller Parteien im fünften Jahrzehnt der Apartheid Schritte zu unternehmen, um sie abzuschaffen.

Nelson Mandela, der bekannteste Führer der Anti-Apartheid-Bewegung, war Zeuge des Auf- und Abstiegs der Apartheid aus nächster Nähe. Nach über 25 Jahren Gefangenschaft übernahm er Mitte der achtziger Jahre eine zentrale Rolle in ihrer Abschaffung. Führer der Regierung und der Opposition trafen sich zu den ersten Annäherungen, die zuerst sehr schleppend verliefern. Mit wachsender Aufmerksamkeit seitens der Medien und mit zunehmendem Vertrauen einigte man sich über die Modalitäten der politischen Reform. Vier Jahre des wechselnden Erfolgs, begleitet von eskalierender Gewalt und konkurrierenden politischen Interessen, fruchteten schließlich in den ersten demokratischen Wahlen im Jahre 1994. Während beide Seiten behaupteten, sie hätten den Hauptanteil an diesem historischen Erfolg beigesteuert, wurden sie zugleich mit der Herausforderung konfrontiert, eine stabile, heterogene Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten zu etablieren.